Lautstärke und Berieselung:

Jeder, der schon mal das Vergnügen hatte, als Farang (westlicher Ausländer) eine thailändische Hochzeitsfeier miterleben zu können, wird sich begeistert an die Vielzahl der Reize erinnern, mit denen man dort seine Sinne überflutete.
Und sicherlich wird sich selbiger Gast auch an den Zeitpunkt – nach der Zeremonie – erinnern, als der Dorf-DJ, zur Unterhaltung der geladenen Gäste, die überdimensionale Schallwand anwarf. Vielleicht bereute der Farang-Gast – nach etwa 45 Minuten ohrenbetäubender Thai-Musik – sogar, nicht doch eine Packung "Ohropax" vor der Reise eingesteckt zu haben.
Denn abgesehen davon, dass die dargebotene Thai-Volks-und Popmusik gar nicht sooo schlimm ist wie viele behaupten – ist der sound der Dorf-DJ Anlage (...dank missverstandener Equalizer-Einstellungen) meist eine Katastrophe. Und die Lautstärke an sich würde sicherlich so manchen Berliner Techno-Club blass aussehen lassen.
Doch
außer dem anwesenden Farang-Gast scheint der verzerrte sound in brutaler Lautstärke niemandem auf die Ohren zu schlagen; selbst die 70jährige Großmutter der Braut klatscht – zu den bunt gemischten Non-Stop-Thai-Hits – ausgelassen und selig lächelnd in die Hände.

Ein Einzelfall? Wohl eher nicht. Selbst auf Beerdigungen oder Volksfesten wie "Loi Krathong" werden die Ansprachen der Mönche oft in einer Lautstärke übertragen, die für westliche Ohren kaum zu ertragen ist, und dem spirituellen Charakter des ganzen wohl eher im Wege steht.

Unsere Thai-Nachbarn sind nette Leute und wir mögen uns. Für Ihre Toleranzgrenzen gegenüber Geräuschen jeglicher Art bewundere ich sie oft sogar, denn während im Fernsehen z.B. eine Quizshow abläuft (die sich niemand ansieht), knallt das älteste Kind daneben am PC in einem actiongame Leute ab – beides in maximaler Lautstärke. Zugleich klimpert das Kleinkind draußen zusammen mit der Großmutter auf einem Spielzeugxylophon herum. Parallel dazu läuft eine Spieluhr mit der Jingle Bells-Melodie ab. Wenn dann der Bruder der Frau noch kurz vorbeischaut, parkt er seinen Pickup bei laufendem Motor und laufender Stereoanlage (Thai-Pop) direkt vor dem Haus.

So richtig lebendig wird es aber erst, wenn in Pattaya auf dem Gelände des Einkaufszentrums Big C Central Festival alljährlich am zweiten Samstag im Januar das Fest zum Tag des Kindes veranstaltet wird:
Dutzende von Ständen, aus denen in dröhnender Lautstärke unterschiedliche songs von bekannten TV-Kinderserien klingen, dazu eine Live-Band sowie unzählige Clowns, die mit Tröten und Trommeln lustige und vor allem laute Geräusche von sich geben.
Mitten in diesem Chaos befinden sich dann hunderte von Kindern, die vor Begeisterung laut kreischen. Viele von den ganz kleinen tragen die in Thailand so beliebten "Qietsche-Entchen-Schuhe" für Kleinkinder, die extra so konzipiert worden sind, dass sie beim Laufen Geräusche erzeugen, die denen einer kleinen Ente gleichen, die hinter der Mutter herläuft (...allerdings lauter).

Oft genug hat man als Ausländer in Thailand das Gefühl, dass die Ohren der Thais eine andere Grundeinstellung (schwächeres Empfangssignal) als die der Farangs (stärkeres Empfangssignal) vorweisen, und daher auf heftigere Geräusche und Lautstärkestufen auch weniger empfindlich reagieren.
Da das natürlich Schwachsinn ist, sollte man dieser Theorie besser nicht nachgehen.

Doch wenn ich sehe, mit welcher Unbeschwertheit meine Frau den Fernseher anstellt – während gleichzeitig noch eine CD läuft – sich hinsetzt und eine Miniserie schaut (...während immer noch die CD läuft), gerate ich schon ins grübeln:

Zwei gleichlaute, parallel laufende Unterhaltungen empfinde ich nicht als Genuss. Die Thais vielleicht auch nicht.
Mich stört es und ich denke darüber nach. Die Thais stört es nicht und sie denken nicht darüber nach.
Möchte ich das auch so entspannt sehen können, oder lieber nicht? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass Europäer in den Augen der Thailänder vieles komplizierter sehen, als es ist. Vielleicht haben sie da sogar in manchen Bereichen recht, und wir sollten viele Dinge einfach gelassener sehen und uns treiben lassen.
Oder besser doch nicht?

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