
In allen Lebenslagen versuchen Thailänder Konflikten soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen, sich nicht aufzuregen und die Ruhe zu bewahren. Dieser Gemütszustand wird als "jai yen" bezeichnet, was soviel wie "kühles Herz" bedeutet.
"Jai yen" steht für Selbstbeherrschung und Würde – und ist eine Art passive Weigerung, vor den Schwierigkeiten des täglichen Lebens zu resignieren. Ohne das "kühle Herz" würde der Tagesablauf in einer von Smog, Lärm, Hitze, Gestank und Stress dominierten Metropole wie Bangkok außer Kontrolle geraten.
Doch birgt diese Grundeinstellung auch gewisse Risiken: Wer seinem Ärger niemals freien Lauf lässt, immer nur einsteckt und alles runterschluckt – der wird zum wandelnden Pulverfass.
Bei Europäern kommt es selten soweit. Die Erziehungsmodelle der heutigen "Ellbogengesellschaften" vermitteln neben einer gewissen Portion Egoismus, eben auch die Fähigkeit mit Kritik umgehen zu können – das heißt, sowohl austeilen als auch einstecken zu können.
Derartige Eigenschaften sind heute in der westlichen Welt nicht nur selbstverständlich sondern auch erwünscht, im traditionellen Thailand dagegen eher verpönt, denn sie lassen sich keinesfalls mit den strengen hierarchischen Strukturen der thailändischen Clans und Familien in Einklang bringen. Abgesehen davon, wird die Anwendung von Kritik in Thailand in jedem Fall als Beleidigung empfunden.
Es passiert daher nicht selten, dass manche Thais diesem enormen Druck von "kreengjai" (Rücksicht nehmen) und "jai yen" (Selbstbeherrschung, Konfliktvermeidung) – unter Berücksichtigung der hierarchischen Strukturen in Familie und Arbeitsplatz – auf Dauer nicht gewachsen sind. Wenn sich die angestaute Frustration dann entlädt, übernimmt ein anderer Gemütszustand die Kontrolle, den die Thais "jai roon" ("heißes Herz") nennen.
Die dann folgende Entladung der angestauten Wut und Frustration kann natürlich in ihrer Konsequenz nicht verallgemeinernd beschrieben werden, denn selbstverständlich hängt die Reaktion von zahlreichen individuellen Kriterien ab. Sie kann sich sowohl im Zertrümmern von Gegenständen, in Schreianfällen oder aber sogar in Handgreiflichkeiten und Schlimmerem äußern. Aus diesem Grunde ist das "heiße Herz" eben auch ein Zustand, den kein Thai absichtlich heraufbeschwört, denn im Grunde hassen Thais Gewalttätigkeiten jeglicher Art. Doch "jai roon" wäre nicht "jai roon", wenn es sich so einfach kontrollieren ließe.
Wer als Ausländer in Thailand einem Thai gegenüber laut und ausfallend wird, der stellt sich nicht nur ein Armutszeugnis aus, sondern begibt sich und andere auch leichtsinnig in Gefahr, denn Freundlichkeit und emotionale Eskalation liegen bei den Thais oft nur Bruchteile von Sekunden auseinander.
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Ultimative Verhaltensregeln, die einen problemlosen Umgang mit Thailändern garantieren, gibt es nicht. Wer aber die folgenden Empfehlungen in Thailand beherzigt, der wird die Chance – unbewusst einen Konflikt auszulösen – zumindest minimieren:
Prinzipiell hat das alte Sprichwort "Wie man in den Wald ruft, so schallt es auch zurück" in Thailand ebenfalls Gültigkeit. Allerdings sehen die Wälder in Thailand anders aus als in Europa, daher mag sich der Rückschall für Europäer anfangs vielleicht etwas fremdartig anhören.
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