Familie, Religion und Monarchie genießen in Thailand absolute Loyalität und Unantastbarkeit.
Dabei steht die Familie eindeutig an erster Stelle. Sie hat in Thailand eine wesentlich tiefere Bedeutung als in westlichen Ländern – und ist der uneingeschränkte Mittelpunkt im Leben der Thais.
Die hierarchischen Strukturen, die von frühester Kindheit an geschickt vermittelt werden, prägen die Mitglieder jeder neuen Generation für den Rest ihres Leben.
Dabei sind die ersten Lebensjahre für Kinder hier wahrlich das Paradies auf Erden, denn es existiert wohl kaum ein Land, wo Kleinkinder in einem derartigen Maße verwöhnt werden wie in Thailand. Doch diese Phase der Verhätschelung dauert nur wenige Jahre und wird schon bald durch die Phase der familiären Prägung ersetzt. Und bereits an dieser Stelle beginnt langsam aber sicher die Vermittlung einer Verhaltensregel, die in der thailändischen Gesellschaft von fundamentaler Wichtigkeit ist – und das Leben des Kindes von nun an begleiten wird.
In der deutschen Sprache ließe sich das Lernziel dieser Regel wohl am besten mit "Rücksicht nehmen" beschreiben, aber "kreengjai" (...so der thailändische Name) hat eine wesentlich komplexere Bedeutung.
Es ist im Grunde das Erlernen der gesellschaftlichen Umgangsformen, denn – und jetzt kommen wir zum Kern der Sache! – in Thailand ist normalerweise die rücksichtnehmende Person gleichzeitig auch die niedrigergestellte. Das Thema "Rücksicht nehmen" hat in Thailand daher eine direkte Verbindung zu den Themen Hierarchie, Status und Autorität.
Und das gilt natürlich auch für das Leben innerhalb der Familien, die übrigens heutzutage (...nach südostasiatischen Maßstäben) gar nicht mehr so groß sind.
Häufig leben in einem klassischen thailändischen Dorf-Haushalt ein Ehepaar mit etwa zwei bis drei Kindern und einem Elternpaar zusammen unter einem Dach. Jedes Familienmitglied übernimmt in einer solchen Gemeinschaft die Aufgaben, die es am besten beherrscht, bzw. die es im Rahmen der Möglichkeiten erbringen kann. Da sich in der Regel mehrere Personen Wohn-und Schlafräume teilen, ist kaum Platz für Privatsphäre vorhanden. Das ist hier allerdings kein Problem, weil in Thailand dieser Begriff – bzw. seine Bedeutung – ohnehin so gut wie unbekannt ist.
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Die Kinder durchlaufen häufig nur die gesetzlich vorgeschriebenen neun Schuljahre. Für eine anschließende Ausbildung ist bei vielen – vor allem ländlichen – Familien kein Kapital vorhanden. So haben die Jugendlichen auf dem Land in der Regel zwei bis drei Möglichkeiten:
Ältere Kinder stehen in der Hierarchie über den jüngeren Geschwistern – und diese Rangordnung ändert sich auch nach 20 oder 40 Jahren nicht mehr. So ist es z. B. für eine ältere Schwester immer wesentlich einfacher, sich von der jüngeren Geld zu leihen, als umgedreht. Die jüngere hat nun einmal die moralische Verpflichtung (...siehe auch
Gesichtsverlust) den Wünschen ihrer älteren Schwester so weit wie möglich nachzukommen. Mit einem jüngeren Bruder hätte die ältere Schwester dagegen langfristig nicht soviel Glück, denn der wäre sich – spätestens nach der Volljährigkeit – seiner Rechte als Mann in Thailand sehr wohl bewusst, und wüsste unangenehme, moralische Verpflichtungen wie diese geschickt zu umgehen.
Selbstverständlich stehen die Eltern in der innerfamiliären Hierarchie an der Spitze. Durch die damit verbundene Verantwortung fühlen sich viele Thai-Eltern – besonders auf dem Land – überfordert, denn die landwirtschaftlichen Erträge decken nicht immer die Kosten. Und da in Thailand nur wenige Menschen über derart gesunde Einkommen verfügen, um private Rücklagen für das Alter aufbauen zu können (...eine staatliche Rente gibt es nicht), kommt hier noch immer ein Konzept der Altersversorgung zum Einsatz, dass in Europa seit langer Zeit undenkbar ist:
Man verlässt sich bezüglich der Versorgung im Alter auf die Unterstützung seiner Nachkommen.
Da die Kinder während ihrer kompletten Kindheit immer und immer wieder lernen, das älteren Leuten Respekt – und speziell den Eltern auch ewiger Dank und ewige Treue – entgegengebracht werden muss ("kreengjai-Erziehung") wäre der Gesichtsverlust bei einer Weigerung unvermeidbar. Dazu kommt noch, dass der thailändische Staat diese recht spezielle Form eines Generationenvertrages unterstützt. Im Klartext: Kinder sind per Gesetz dazu verpflichtet, ihren Eltern im Alter unter die Arme zu greifen.
Doch kommt es – dank "kreengjai" – in der Regel meistens erst gar nicht zu einer gesetzlichen Regulierung, denn für die meisten Kinder ist es eine Selbstverständlichkeit ihren Eltern (...auf die eine oder andere Art) im Alter zu helfen. Während einige samt Ehepartner/in zu den Eltern ziehen, nehmen andere die Eltern zu sich ins neue (auf Pump) gekaufte Haus auf. Andere, die sich für ein Leben in einer anderen Stadt entschieden haben, schicken monatlich eine Geldsumme, die ihren Möglichkeiten entspricht, an die Eltern. Die Wege der Unterstützung sind mannigfaltig, und werden flexibel angewendet.
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Bei modernen, jungen Kleinfamilien in den Metropolen Thailands bröckelt der Wert dieser Strukturen verstärkt. Hier läuft vieles anders:
Während das Heiratsalter in ländlichen Regionen in der Regel zwischen 20 und 25 Jahren liegt, lag es bei der letzten Erhebung in den 90er Jahren in den städtischen Regionen bei 25 bis 30 Jahren. Obwohl überall in Thailand am liebsten im Juni geheiratet wird (dann beginnt die Regenzeit, und das soll Glück bringen!), sind die traditionellen Hochzeiten im Elternhaus der Braut bei den Städtern immer unbeliebter. Zeremonien nach westlichem Muster – wenn möglich im eigenen neu gegründeten Haushalt – nehmen dagegen bei wohlhabenden jungen Leuten in den Metropolen zu.
Auch beim Nachwuchs gibt es Unterschiede:
Glücklicherweise war die stattliche "Aufklärungskampagne gegen Armut" in den 70er Jahren auch auf dem Lande erfolgreich, und schaffte es die Geburtenrate von 7 Kindern pro Familie deutlich runter zu schrauben. Heute haben die jüngeren Familien auf dem Lande selten mehr als zwei oder drei Kinder. Die Städter haben heute häufig nur noch ein Kind, das unter moderneren und aufgeklärteren Voraussetzungen aufwächst als auf dem Land, und oft sogar in den Genuss einer weiterführenden Schule oder einer Ausbildung kommt.
Mag sein, dass das langfristig Auswirkungen auf das aktuelle Modell der Alterversorgung haben könnte. Damit würde dann ein – nicht unwesentliches – Problem auf Thailand zurollen.
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