
Wie viele Geschichten über das unwiderstehliche Lächeln der Thais im Umlauf sind, kann wohl niemand mit Bestimmtheit sagen.
Ebenso wenig lässt sich wahrscheinlich sagen, in wie vielen Websites die Formulierung "...Land des Lächelns" zum Einsatz kommt. Nichts desto trotz mag ich diese (veraltete) Metapher nach wie vor sehr gern, denn solange man sie nicht fehlinterpretiert, trifft sie ja nun mal den Nagel auf den Kopf.
Doch genau hier beginnt das Problem der Formulierung "...Land des Lächelns", denn leider wird das berühmte Lächeln der Thais viel zu oft und gern mit einem Lebensgefühl der unschuldigen Glückseligkeit assoziiert.
Stereotype Beschreibungen dieser Art lassen sich zwar bestens in ein schön gemaltes, unkritisches Thailand-Gesamtbild implizieren, der Wahrheit entsprechen sie allerdings nicht, denn die ist wesentlich komplizierter.
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Richtig ist, dass in Thailand in der Tat ständig und überall gelächelt wird. Nicht richtig ist dagegen die Hypothese, dass jedes Lächeln als freundliche Geste gemeint sei.
Die feinen Unterschiede werden allerdings erst dann deutlich, wenn man die Fähigkeit der Thais zu lächeln, in wirklich unschönen Situationen selbst einmal miterleben konnte. Egal ob Unfall oder Streitgespräch, das Lächeln erlischt selten ganz. Falls das doch passieren sollte besteht Gefahr, dass die Situation komplett außer Kontrolle gerät (siehe auch
Kühles und heißes Herz), und das möchte niemand, denn Thais hassen Gewalttätigkeiten und Konflikte, weil diese meistens mit einem Gesichtsverlust verbunden sind.
Mit einem zerknirschten Lächeln dagegen ist es möglich, eine Eskalation mit hässlichen Überreaktionen zu vermeiden, und dadurch gleichzeitig das "Gesicht zu wahren".
Dass bei dieser – von Oberflächlichkeiten dominierten – Vorgehensweise die Lösung des Problems nicht wirklich im Vordergrund steht, ist sekundär. Wichtig ist in erster Linie die Konfliktvermeidung unter Berücksichtigung der korrekten Umgangsformen.
Eine Logik, die für westliche Ausländer nur schwer nachvollziehbar ist. Denn diese sind gewohnt, einem Problem genau auf den Grund zu gehen, um dadurch die optimale Lösung zu finden. Und genauso subtil und detailfreudig gehen sie mit ihren Gefühlen um: Traurigkeit, Wut, Enttäuschung, Lust, Einsamkeit, Frustration, etc... Jedes Gefühl äußert sich in ganz speziellen Verhaltensmustern, auf die Partner, Familie und Freunde dann in entsprechender Form eingehen bzw. reagieren.
In thailändischen Familien wird die emotionale Entwicklung der Kinder in eine andere Richtung getrieben (siehe auch
Familie). Persönliche Gefühle und Befindlichkeiten stehen im Hintergrund. Es gilt zu lernen, die Hierarchie zu respektieren und Rücksicht auf die höher gestellten zu nehmen ("kreengjai").
Lösungsmöglichkeiten für den Umgang mit der vielschichtigen Palette an Gefühlen sind da eher lästig – und ausserdem: Wer sollte sie vermitteln?
Als Reaktion auf die mannigfaltigen Gefühlsäußerungen des Kindes erfolgt (...wer hätte es gedacht?) statt dessen meistens ein Lächeln. Eine tiefere Anteilnahme an den emotionalen Problemen des Kindes – für welche die Eltern sowieso keine Lösung parat hätten – wird schnell und einfach vermieden, indem die Sorgen durch ein Lächeln heruntergespielt werden.
So lernen die Thais zwar nicht, wie mit speziellen Gefühlen in komplexen Situationen umzugehen ist – aber sie lernen, dass ein Lächeln (am besten in Verbindung mit dem Zauberspruch "mai mii bpanhaa" bzw. "no problem") immer dazu beiträgt eine Situation zu entschärfen.
Natürlich kann das Lächeln auch in Situationen eingesetzt werden, bei denen man nicht weiß, wie man sich verhalten soll, um damit Verlegenheit oder Unschlüssigkeit zu überspielen – z.B. wenn sich jemand den Kopf stößt, oder etwas umfällt und zu Bruch geht.
Aber auch Peinlichkeiten werden häufig mit einem Lächeln überspielt: Wenn z.B. der unattraktive, dickliche Farang-Großvater eine junge Thai anlächelt, so wird diese in der Regel zurück lächeln, obwohl ihr vielleicht nicht danach zumute ist – was dann wiederum nicht selten für peinliche Missverständnisse sorgt.
Aber auch die lassen sich mit einen einfachen Lächeln und dem Zauberspruch "mai mii bpanhaa" bzw. "no problem" schnell und einfach aus dem Weg räumen.
Ach, wenn doch alles im Leben so einfach wäre!
Das Lächeln der Thais möchte ich trotzdem keinesfalls missen. Auch wenn es einen komplexen Background und manchmal auch eine zweifelhafte Bedeutung hat, so kann man die positive Wirkung aufs seelische Wohlbefinden schlecht leugnen.
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