Schon lange vor der Entwicklung der uns heute bekannten Religionen existierte der Animismus, dessen Glaube auf einer Personifizierung und Beseelung aller Erscheinungen – sowohl in der Natur als auch in künstlich errichteten Lebensräumen – basiert.
Der Animismus ist die Basis des Geisterglaubes, der in Thailand lange vor der Verbreitung des Buddhismus existierte – und noch heute im alltäglichen Leben eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Die meisten Thais glauben an die Existenz einer Vielzahl verschiedener Geister, von denen einige guter und andere böser Natur sind. Es gibt Geister, die beschützen, die Krankheiten heilen, oder Glück bei der nächsten Fußball-Wette versprechen. Dann gibt es solche, die Babys stehlen, oder Unglück, Krankheit und Armut über die Familie bringen. Sie leben in jedem Baum, in jedem Fluss, in jedem Reisfeld, etc... Doch egal, ob gute oder schlechte Geister – sie alle haben nach thailändischem Glauben eins gemein:
Man kann sich Ihre Gunst durch Opfergaben erkaufen (...bei den bösen hilft das zumindest den Zorn zu besänftigen). Gegen besonders grausame Geister helfen zusätzlich noch rituelle Tattoos und natürlich spezielle Amulette.
(Video unten: Auf einer jährlich stattfindenden Convention in Bangkok präsentieren Thais ihre "übersinnlichen" Tattoos)
Die wohl bekanntesten – und auch hofiertesten – Geister sind die Erdgeister (Phra Phum). Sie müssten sich eigentlich zwangsläufig und ständig mit den Menschen in die Haare geraten, da sie überall dort, wo ein Grundstück gekauft und ein Haus gebaut wird, in ihrer Ruhe gestört werden – und durch die folgenden Bauaktivitäten aus dem Boden vertrieben werden. Eine sehr unschöne Sache, vor allem wenn man (...bzw. wenn Thai) bedenkt, dass der Phra Phum nach Fertigstellung des Hauses an den Platz zurückkehren könnte, und sich für die Störung – auf SEINEM Grund und Boden – an dem neuen Haus und dessen Bewohnern über lange Zeit rächen könnte.
Doch scheint schon vor sehr langer Zeit ein geschäftstüchtiger Thai dem "Chef der Erdgeister" ein Angebot gemacht zu haben, welches dieser nicht ausschlagen konnte. Und das Angebot scheint sogar so verlockend gewesen zu sein, dass der gleiche Deal noch heute von allen Erdgeistern Thailands akzeptiert wird.
Dabei ist das Prinzip relativ einfach: Man kauft ein in Serienproduktion erstelltes Geisterhaus, platziert es an einem repräsentativen Ort in Nähe des eigenen Hauses, versorgt es regelmäßig mit Opfergaben – und hofft, dass der vertriebene Phra Phum sich dort so wohl fühlt, dass er das neu gebaute Haus und die dort wohnenden Menschen in Ruhe lässt.
Meist funktioniert das sogar recht gut. Eigentlich sogar sehr gut, denn sonst hätte sich aus dem Kult um die Geisterhäuschen wohl kaum eine gigantische Industrie entwickeln können.
(Abbildung unten: Klassische Opfergaben für die Geister)
Kommen wir zum Geisterhaus an sich:
In Baumaterial- und Spezialgeschäften werden die in Serienproduktion erstellten Häuser in Dutzenden Größen, Farben und Preisklassen angeboten. Immer ruht das fertige Geisterhäuschen auf einer Säule (oder auch auf vier Beinen), durch welche die nötige Höhe gewährleistet wird, um Respekt auszudrücken. Allerdings muss es auch niedrig genug sein, um Opfergaben überreichen zu können.
Die Größe des anzuschaffenden Geisterdomizils steht in direktem Zusammenhang zu der Größe des gekauften Grundstücks und des darauf erbauten Gebäudes. Im Klartext: Mit der Größe des Bauprojekt wachsen auch die Ansprüche der Geister. Das erklärt auch, warum vor einigen Luxushotels und Hochglanz-Einkaufszentren in Bangkok die Geisterhäuschen eigentlich schon kleinen Palästen gleichen.
Die Plattform und das Innere des Hauses werden mit kleinen Ton und Holzfiguren bestückt (...Personen, Fabelwesen, Elefanten, Tänzerinnen). Oft werden die Häuschen auch mit farbigen Lichterketten umrandet, die nachts erleuchtet sind. Häufig wird parallel zu dem Häuschen eine weitere Säule mit einen Opfertisch für Gaben platziert.
Die Einweihung eines Geisterhäuschens ist eine komplizierte Angelegenheit:
Um den günstigsten Platz ausfindig zu machen, wird zuerst ein Schamane befragt. Dabei müssen gewisse Regeln genauestens beachtet werden. Sowohl die Ausrichtung als auch die Entfernung des Geisterhauses sind von großer Wichtigkeit – ausserdem darf kein Schatten des neu gebauten Hauses auf das Geisterhaus fallen. Falls eine dieser Regeln auch nur annähernd missachtet wird, könnte es passieren, dass der Bodengeist sein neues Domizil nicht akzeptiert – und das könnte verheerende Folgen für alle Beteiligten haben!
Das Einweihungsritual an sich wird von einem speziell dafür ausgebildeten Mönch oder Wahrsager übernommen, der das Häuschen schmückt, segnet und mit speziellen rituellen Zeichen verziert (siehe Abbildung oben).
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Wenn dann nach der Einweihung der Alltag wieder eingekehrt ist – darf das Geisterhäuschen keinesfalls in Vergessenheit geraten. Mindestens einmal pro Woche – und zusätzlich zu festlichen Gelegenheiten – müssen etwas Fleisch, kleine Schälchen mit Obst, Reis, Süßigkeiten sowie Gläschen mit Wasser, Cola oder Whiskey den Geistern zusammen mit Räucherstäbchen als Opfergabe gereicht werden. Wenn das Geisterhaus von den Anwohnern vernachlässigt wird, so kann das ebenfalls großes Unglück über die umliegenden Bewohner bringen. Im schlimmsten Falle verlässt der Geist sein neuen Domizil – und zieht aus Rache in das Haus seiner menschlichen Nachbarn ein, für die dann schlechte Zeiten beginnen.
Der Kult um die Geisterhäuschen ist übrigens ein brahmanischer Brauch, der sich von Indien nach Thailand verbreitete.
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Als Farang sollte man sich unbedingt davor hüten, über den Geisterglauben der Thais zu lachen — denn eins ist sicher: beliebt macht man sich damit nicht (...weder bei den Thais noch bei den Geistern).
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