Schule und Bildung in Thailand:

Entwicklung der Bildungsreformen:

Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts spielte Bildung in Thailand eine untergeordnete Rolle, die in den Zuständigkeitsbereich der Mönche fiel. Da Lesen und Schreiben – bei der einfachen Landbevölkerung – sowieso nur einen geringen Stellenwert genoss, wurde in den Tempelschulen des Landes dementsprechend eine eher einfache Grundausbildung von den Mönchen an die männliche Jugend weitergegeben. Den Mädchen wurde dagegen meistens sogar diese vorenthalten.
Kinder wohlhabender bzw. adeliger Familien erhielten dagegen eine bessere Ausbildung, um später im Staatsdienst oder am Königshof tätig sein zu können.
(Abbildung oben: Zeitsprung — Thailändisches Schulbuch aus dem 21. Jahrhundert.)

Eine entscheidender Beitrag zur Verbesserung dieses System wurde von König Nang Klao (Rama III./1824-1851) durch die Errichtung der ersten freien Universität in Bangkok in die Wege geleitet. Das unabhängige Wissenszentrum wurde nach einem aufwendigen Umbau Mitte des 19. Jahrhunderts im Wat Pho eröffnet, der nach heutigen Schätzungen im 17. Jahrhundert erbaut wurde, und somit der älteste Tempel Bangkoks wäre.
Neu – und für damalige thailändische Verhältnisse geradezu revolutionär – war, dass nicht nur Kinder aus elitären Familien sondern auch die einfache Bevölkerung Zugang zu dieser Universität hatte, um sich dort weiter zu bilden. Zahlreiche Gelehrte erhielten vom König den Auftrag Texte über Medizin, Heilkunst, Astrologie und Geschichte zu verfassen. Danach wurden die Texte auf Steintafeln graviert und so platziert, dass sie für jeden Besucher zugänglich waren. Das College of Traditional Medicine befindet sich noch heute im Tempel. Es ist die älteste und angesehenste Adresse zum Erlernen der Thai-Massage.

König Maha Chulalongkorn (Rama V./1868-1910) war nicht nur westlichem Gedankengut sehr aufgeschlossen, sondern vor allem daran interessiert umfangreiche Verwaltungsreformen zu etablieren. Um den dadurch wachsenden Bürokratie-Apparat mit kompetentem Personal versorgen zu können, mussten dringend weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Bildung umgesetzt werden. In diesem Sinne wurde Ende des 19. Jahrhunderts erstmalig ein westliches System eingeführt, das zwischen beruflicher Ausbildung und akademischer Ausbildung unterschied.
(Abbildung oben: König Maha Chulalongkorn portraitiert von C. W. Allers)

1920 wurde dann unter König Vajiravudh (Rama VI./1910-1925) erstmalig ein konkreter Plan für landesweite Bildungsmaßnahmen präsentiert, der vier Grundschul-Pflichtjahre beinhaltete – sowie wahlweise eine ergänzende achtjährige Sekundarstufe.
Ende der 1970er Jahre wurde das Bildungssystem erneut reformiert. Die Grundschul-Pflichtjahre wurden von vier auf sechs erhöht. Die aufbauende Sekundarstufe wurde verkürzt und geteilt – und zwar in eine dreijährige untere Sekundarstufe und eine dreijährige obere Sekundarstufe (zweitere als Vorbereitung zu einem anschließenden Studium). Die Umsetzung dieser Bildungsreform konnte erst Anfang der 1980er Jahre abgeschlossen werden. Anfang der 1990er Jahre beschloss man, die drei Jahre untere Sekundarstufe ebenfalls als Pflichtjahre an die sechs Jahre Grundschule anzubinden – sodass die Schulpflicht insgesamt auf 9 Jahre erweitert wurde, was nach wie vor dem aktuellen Stand entspricht.

Umsetzung im Alltag:

Nach wie vor spielt Nationalismus – sowie alles was entfernt damit zusammenhängt – an Thailands Schulen eine wichtige Rolle: Fahne hissen, zur Nationalhymne antreten, Schuluniformen, Pfadfindertum, autoritäre Lehrmethoden (...die Prügelstrafe wurde erst Ende der 1980er Jahre abgeschafft) bestimmen den Schulalltag. Kritisches, eigenständiges Denken steht häufig im Wiederspruch zu den eher konservativen Lehrmethoden – und ist daher nicht selten unerwünscht. Trotzdem liegt die von der UNESCO ermittelte Analphabetenrate gerade mal bei etwa 3 %, und bewegt sich somit auf europäischem Durchschnitts-Niveau.

(...Abbildung oben: Kids einer ländlichen Kindergarten-Vorschule im 21. Jahrhundert lernen die ersten Grundregeln zum Thema Nationalismus.
...Abbildung unten: Schülerinnen einer Schulklasse im 21. Jahrhundert beim wöchentlich stattfindenden Pfadfindertreffen.)

Der Unterricht beginnt in den meisten Schulen gegen 09:00 Uhr, und endet etwa gegen 15:00 Uhr. Dazwischen gibt es eine ca. 60 minütige Mittagspause, in der die Kinder auch ein kostenpflichtiges Essen erhalten. Auch die Schuluniformen sowie die Sport- und Pfadfinderkleidung muss selbst angeschafft und bezahlt werden. Dazu kommen Fahrtkosten, etc... – im Klartext, nicht alle Thaifamilien können diese Kosten problemlos aufbringen. Bei den privaten Schulen fallen zudem noch Kursgebühren von etwa 20.000,- Baht pro Kind und Jahr – plus Schuluniformen, Bücher, Hefte, etc... an.
Gleiches gilt auch für eine weiterführende Ausbildung nach den neun Pflichtschuljahren. Sowohl für die dreijährige obere Sekundarstufe als auch für eine alternative Berufsschulausbildung sind nicht unerhebliche Kurs- und Materialkosten zu errichten – was sicherlich der Hauptgrund dafür ist, dass viele junge Thais nach den neun Pflichtschuljahren ohne weitere Ausbildung ins Berufsleben einsteigen, und sich mit Anlerntätigkeiten ohne Aufstiegschancen begnügen müssen (siehe auch "Arbeit in Thailand"). Weitere interessante Fakten zu diesem Thema sind auf der Website "Aktiv gegen Kinderarbeit" zu finden.

Ein im März 2009 von der Regierung verabschiedeter Entwurf soll zumindest für 15 Jahre eine kostenlose Ausbildung bis zur High School garantieren. 18 Milliarden Baht ließ sich der Staat das "freie Bildung für alle" Konzept kosten
(mehr dazu in unserem Blog).

Für besonders begabte Kinder aus armen Familien besteht die Möglichkeit, sich für ein Stipendium zu bewerben.
Die Beantragung eines zinslosen Darlehens ist eine Möglichkeit, auf die auch normal begabte Kinder zurückgreifen können. Leider hat sich genau diese Variante inzwischen in eine problematische Richtung entwickelt, da anscheinend bei einer steigenden Zahl von Studenten nicht die Einsicht, das Einkommen (...oder auch beides) für eine Rückzahlung des Darlehens vorhanden ist.
Laut eines Berichtes der Bangkok Post im Juni 2008 muss sich die Stiftung "Student Loan Fund" (SLF) Jahr für Jahr mit einer wachsenden Zahl von Studenten auseinandersetzen, die ihre geliehenen Studiengebühren nicht rechtzeitig, nur teilweise oder gar nicht zurück zahlen möchten. Normalerweise muss spätestens zwei Jahre nach Abschluss des Studiums mit der Rückzahlung begonnen werden. Nach Informationen der Stiftung sollten im November 2007 etwa 60.000 Studenten verklagt werden. Diese Zahl stieg im Januar 2008 auf 90.000, und erreichte im Juni 2008 den bisherigen Rekordwert von 400.000!!
Zum Vergleich: Für das Jahr 2008 wurden Darlehen für Studiengebühren von 35 Millionen Baht für insgesamt 840.000 Studenten genehmigt.

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